WOODWARD DREAMCRUISE 2002

Ein Erlebnisbericht von Anita und Erwin Frey

Die Woodward Avenue beginnt am Ufer des Detroit River mitten im Herzen der Stadt. Einen Block neben dem GM World Headquarter. Die Woodward ist sicher eine wichtige Straße in dieser Stadt, aber für so manchen beginnt sie erst bei den Vororten. Von der Stadtgrenze bei Ferndale zieht sich ein achtspuriges Band 11 Meilen Richtung Pontiac. Das ist Mitte August der wichtigste Teil für Leute wie wir sind. In den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde dieser Teil der Woodward Avenue schon benutzt, um den Freunden, oder auch Gegnern, zu zeigen was deine Kiste kann. Bis Ende der Sechziger dann das Cruising-Verbot kam. 1995 fanden sich ein paar Verwegene zusammen und ließen die Woodward Avenue in den Herzen der Cruiser wiederauferstehen. Und heuer beim 8th Dream Cruise waren wir auch dabei. Anita, Christoph, Dominik und Erwin.

Am Donnerstagvormittag kamen wir in Detroit an. Um uns gleich einmal richtig einzustimmen, fuhren wir nach Dearborn ins Ford Museum. Henry Ford hat so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann, gesammelt. Dementsprechend groß ist auch das Museum. Das einzig enttäuschende für uns (mich) waren die zwar sehr schönen und seltenen, aber auch leider relativ wenigen Autos, die ausgestellt waren. Nach ca. fünf Stunden, das Museum ist wirklich sehr groß, verließen wir die Hallen und fuhren zu unserem Motel. Nachdem wir alles ausgeladen hatten, wollten wir sehen ob sich schon einige Cruiser eingefunden hatten. Schon bevor wir nach Ferndale kommen, sehen wir entlang der Woodward einige schöne, seltene Prachtstücke. Den Autoradio auf WOMC 104,3 geschaltet und schon ging's auch akustisch zurück in die 50er, 60er und 70er. Mitten unter Oldies, Hot Rods, Low Riders, einzigartigen Eigenbauten und vor allem Muscle Cars, das hat schon was. So kann ich einfach nicht anders, als die Woodward Avenue auf und ab zu fahren, mitten im Strom von all den herrlichen Kisten. Manchmal geht’s nur im Schritttempo weiter, aber so ein „Stau“ spielt mir

(uns) eigentlich keine Rolle. So einen „Stau“ sollte es öfter geben, nicht nur einmal im Jahr und das auch noch in Amerika. So etwas wäre auch bei uns in Wien ein Hammer. Nachdem wir aber schon den ganzen Tag im Museum verbracht haben und wir sowieso noch zwei Tage Zeit haben, um alle Autos (alle kann man eigentlich gar nicht sehen) genauer zu inspizieren, machen wir uns auf den Heimweg. Eigentlich haben wir aber auch Hunger. Und warum sollen wir woanders hinfahren, wenn es hier auch gute Lokale gibt, und das mitten im Geschehen? Wir entschließen uns für Peabody´s Barn Restaurant, einem ausgezeichneten Seafood- und Steakrestaurant. Mit vollgefüllten Bäuchen fahren wir noch ein letztes Mal, für heute, die Woodward entlang und mit traurigen Augen (warum sitzen wir nicht in einem Oldie und cruisen stilgerecht mit) verabschieden wir uns von den schönen Autos. Nur der Musiksender bleibt uns treu bis ins Hotel.

Nachdem es auf der Woodward erst frühestens ab 1.00 Uhr losgeht, hatten wir etwas Zeit, uns auszuschlafen. Wir sind so ziemlich die letzten, die frühstücken gehen und beschließen, anschließend ins Walter P. Chrysler Museum zu fahren. Während der Fahrt beginnt es wieder etwas zu nieseln. Vor der Chrysler Zentrale ist ein Festgelände mit PT Cruisern in allen möglichen Lackierungen, Umbauten (Oldie, Woodie, Cabrio usw......) und was sonst noch den Besitzern alles eingefallen ist. Gleich daneben am Museumsparkplatz wird für ein Fest, das offensichtlich heute Abend stattfinden soll, alles aufgebaut. Eine Viper Conceptcar steht vor einem Zelt, der Chrysler Crossfire (die erste, schönere Version) ist auf einem Sockel vor dem Eingang aufgestellt.

Das alles sehen wir mehr oder weniger im vorbeihuschen, denn inzwischen regnet es schon ganz ordentlich. Hoffentlich fällt ihnen ihr Fest nicht dadurch ins Wasser. 75 Autos stehen im Chrysler Museum. Aber was für welche: Gleich im Foyer eine Viper Concept, Chrysler Thunderbolt, Chrysler Le Baron Dual Phaeton ....... Im ersten Stock steht jedes Auto in einem herrlichen Diorama, verschiedene Dinge wie Servolenkung, Drucktastenautomatik, .... kann man ausprobieren, interaktiv verschiedene Stationen von Dodge, Chrysler oder Plymouth miterleben und dann sind wir schon am Ende angelangt. Das waren aber höchstens dreißig oder fünfunddreißig Autos und keine 75 wie versprochen. Doch halt, was steht da beim Aufzug? Untergeschoß: Musclecargarage? Nichts wie runter mit uns. Dodge Charger 68, und 69 natürlich mit 426 Hemi, 70er Hemicuda, 71 Challenger 426 4 Gang Schaltgetriebe, Roadrunner mit 426 Hemi, GTX, Daytona, Super Bee alles mit 426 Hemi. Verdammt noch mal, haben die bei Chrysler nicht auch noch andere Motoren gebaut? 440 Six-pack, Cross-Ram und wie sie alle heißen, stehen auf Motorständern in den Ecken, zwischen den Autos oder wo sonst noch Platz ist, herum. Ob denen das auffällt, wenn wir uns einen oder zwei einfach mitnehmen? Der Regen ist aus und wir sind inzwischen auch schon wieder auf der Straße. Ein kleiner Lunch und auf zur Woodward.

Nach einem kurzen Cruising wollen die Kinder und Anita ins Hotel, schwimmen und rasten. Dem kann ich mich natürlich nicht anschließen, wenn da so viele geile Autos herumkurven, also führ´ ich sie schnell nach Hause und beeil´ mich, um zurück zu kommen. Um 8.00 oder 8.15 Uhr soll ich sie wieder abholen. Also bleiben mir rund drei Stunden, um ins Geschehen einzutauchen. In Berkeley, gleich in der Nähe von Bob´s Big Boy, find´ ich einen Parkplatz und mach mich zu Fuß auf, die Gegend zu erkunden. Wow! Zwei Blocks weiter nördlich hat GM einen Stand aufgebaut und WOCM, der Oldie-Sender bringt live von dort sein Programm mit 50th Music, Interviews und diversen Hinweisen. Dahinter, unter einem riesigen Zelt stehen ein paar Kostbarkeiten: Buick Silver Arrow III von 1971, Oldsmobile 442 Sport Coupe 1967, Buick Roadmaster „Woodie-Station“ 1953, Chevelle 427 1970, Cadillac Le Mans Rennwagen 2002 und, was soll ich Euch sagen, ein SSR Coupe– und ein SSR Cabrio-Pick Up. Außerdem ein Pontiac Solstice Cabrio und eine Solstice Coupe-Studie. Der Solstice hat mir ja schon auf den Fotos ganz gut gefallen, aber in Original...... Der neue Cadillac SRX dagegen haut mich nicht vom Hocker. Eher das Gegenteil. Aber bitte.

In südlicher Richtung an hunderten, auf der Seite, in Parks, Seitenfahrbahnen und Parkplätzen ausgestellten Muscle Cars (Pontiac GTO aller Baujahre, Hurst Olds, Shelby Cobras, Thunderbolds, Cudas und was weiß ich noch alles), Low Ridern, Hot Rods vorbei (genauer werd´ ich mir das morgen anschauen, denn dann sind wir den ganzen Tag hier), steh´ ich auf einmal vor einem Zelt und seh' einen Mann, der mir irgendwie bekannt vorkommt. Halt, ich hab´s. Ist das nicht der ....? Wie heißt der noch mal schnell? Ach ja, Bo Hoskins und neben ihm sitzt Candy Clark. Zwei der Stars aus American Graffiti sitzen hier, verkaufen Fotos und geben Autogramme. Da hol´ ich mir auch eins.

Inzwischen ist es schon fast 8.00 Uhr geworden und es wird Zeit, dass ich mich aufmach´, meine Lieben vom Hotel abzuholen. Um 9.00 Uhr sind wir wieder zurück und mischen uns sofort unter´s cruisende Volk. Vor uns, hinter uns, links von uns und rechts von uns, du weißt gar nicht wo du zuerst hinschauen sollst. „Papa, schau da hinten!“ ruft Dominik, „Da schau auf die andere Seite rüber, Papa“ kommt es von Christoph, „Schatz, hast du schon gesehen, was da drüben steht?“ So geht es die ganze Zeit. Du weißt echt nicht, wo du zuerst hinschauen sollst. Und auf einmal geht gar nichts mehr. 3, 4 Meter Stillstand, 2, 3 Meter wieder Stillstand, aber zwischen solchen Karren wird dir trotzdem nicht fad. Nach einer halben Stunde sehen wir den Grund für diesen Megastau: bei jeder großen Ampel sperrt die Polizei drei der vier Spuren und lässt uns nur mehr rechts abbiegen. Eigentlich wollten wir noch ein Stück nordwärts fahren, um bei Bob´s Big Boy unser Diner einzunehmen, also über Nebenstraßen durch Wohngegenden mit Einbahnen, dass man fast die Orientierung verliert, kommen wir wieder zurück auf die Woodward. Dort vorn´ ist Bob´s ja schon. Noch ein Stück geradeaus, bevor die uns wieder nach rechts umleiten und dann umdrehen. Nur das mit dem Umdrehen funktioniert nicht so, wie ich es mir gedacht hatte.

Bei jeder Umkehre steht ein „Bulle“ mit einem Auto (hab´ ich Euch eigentlich schon erzählt, mit was für Wägen die Polizei hier herumfährt? Nein? Okay: Hummer, Hummer II, Corvette, Camaro........). Also bleib ich stehen und will ihn fragen, was da los ist und ob er mich nicht einfach umdrehen lassen kann. „Fuck off! Shut up! Go away!“ waren da noch das Freundlichste, was ich zu hören bekam. Erst als ich in einer Atempause auch zu Wort kam, und er hörte, dass ich aus Österreich, extra wegen dem Dream-Cruise hier bin, wurde er wirklich freundlich (ein Ami hat offenbar zu wissen, wenn da die Polizei steht, gibt es kein Fragen oder Deuten). Er erklärte mir, dass um 10.00 Uhr das Cruising aufgelöst wird, dass alle die Straße zu verlassen hätten und, dass er keine Ausnahmen machen könne. Dann gab er mir noch einen Hinweis für morgen: da endet nämlich das ganze dann schon um 9.00Uhr. Zum Schluss gab er mir noch die Hand und entschuldigte sich für seinen rüden Ton. Hunger hatten wir aber trotzdem. Also wieder nach rechts, ein Stück zurück, wieder durch die Einbahnen und Einfamilienhäusersiedlungen, einparken und per pedes über die Woodward. Nur wir machten die Rechnung ohne den Wirten. Auch die Lokale machten um zehn zu, das hatte mir der Polizist nicht gesagt. Nun standen wir zwar vor beleuchteten, aber geschlossenen Türen und mussten mit hungrigen Bäuchen umkehren. Ihr braucht ja nicht glauben, dass man in einer fremden Stadt, in der man keine Ahnung hat, wo was ist, um 11.00 Uhr abends, irgendein Lokal findet, in dem man noch was zu essen kriegt. Pizza Hut, nach einer halben Stunde im Kreis herumfahren, der hat gerade noch offen. Eigentlich sperren die ja auch schon um 11.00 Uhr zu, aber wir sind nicht die einzigen Woodward-Vertriebenen, die noch Hunger haben, und so bekommen wir knapp vor Mitternacht doch noch etwas zwischen die Zähne.

Es ist herrlich, wenn man noch vor dem Frühstück in die Sauna, das Whirlpool oder das Schwimmbecken aufsuchen kann. Danach ein gutes richtig amerikanisches Frühstück und auf in die Downtown. Das World Headquarter von GM ist eigentlich das einzige Gebäude, das irgendwie interessant aussieht, sonst gibt´s in Detroit eigentlich nicht viel, was man sich ansehen könnte: keine Fußgängerzone, kein Riverwalk, nichts. Nur eine riesige Baustelle. Also fahren wir gleich zum Cruising. Das Wetter ist übrigens ganz genau richtig. Es regnet nicht, es scheint aber auch kaum die Sonne und die Temperaturen sind angenehm. Nachmittags, wenn dann manchmal die Sonne durch die Wolken äugt, werden wir noch ganz schön ins Schwitzen kommen. Auch heute sind es nicht nur alte, schöne, umgebaute oder heiße Autos, die cruisen (eigentlich sollten die zwei rechten Spuren zum cruisen gehören, und nur von solchen benutzt werden, und die zwei linken, dem Durchzugsverkehr dienen. Tatsache ist, dass alle überall „cruisen“, neu und alt, hoch und tief, und heiß und original), sondern alles was nur ein bisschen Interesse dafür zeigt, cruist herum. Nach ein paar Runden finden wir wieder einen Parkplatz, gleich in der Nähe, wo ich schon gestern stand, und wir stiefeln links zwei, drei Meilen und rechts zwei, drei Meilen auf und ab. Anita und den Kindern musste ich natürlich das GM-Zelt zeigen, und siehe da, die haben umgestellt. Ganz hinten steht das neue Bel Air Cabrio. Der soll ja angeblich bald in Serie gehen. Der wär´ ein Grund, um auf einen neuen Wagen zu sparen. Der sieht einfach toll aus. Ich bin ganz hin und weg. Will mich gar nicht losreißen.

Zwei Meilen südlich hat Chrysler sein (Zelt)-Lager aufgeschlagen. Wieder einmal Autos, die man niemals zu Gesicht bekommt. Alle möglichen Typen, die jede Menge Kraft unter der Haube haben, stehen auf einem riesigen Parkplatz aufgereiht. Dragster, Show Cars, Rennwagen, Pace Cars, Werbefahrzeuge, Filmautos und Autos, die sonst irgendwie Geschichte geschrieben haben. Von Ford ist weit und breit nichts zu entdecken, die müssen auf einem anderen Abschnitt der Woodward ihr Domizil aufgeschlagen haben. Nachdem wir die Straßenseite gewechselt hatten, kamen wir wieder bei einem GM Stand vorbei. Hier gab es ein paar Styling-Studien zu sehen: Oldsmobile 442 Bj. 2000 mit Northstar-Motor, Cadillac Eldorado Elegance Bj. 2001, das Filmauto von Tripple X ein Pontiac GTO, Die Polizeiautos eines Science Fiction Films usw. usw......

Endlich sind wir wieder zum Ausgangspunkt zurückgekommen, denn Anita tun die Füße weh, außerdem hat sie Hunger und überhaupt. Chrisi bleibt bei Anita und Dominik stapft mit mir noch in die andere Richtung. Nach ca. 3 Meilen sehen wir wieder eine große GM-Zeltstadt, die dominieren hier wirklich ganz schön. Das Stück schaffen wir auch noch. Da steht die neue Corvette, in allen Variationen und man kann sich auch mit einer fotografieren lassen. Das Foto kann man sich dann mit einem Zugangscode, den man bekommen hat, jederzeit aus dem Internet runterladen, außerdem verteilen die da auch noch Prospekte und Unterlagen der neuen Vette. Und das alles umsonst. Die lassen sich das ganz schön was kosten. Neben verschiedenen NASCAR-Autos und Corvette Studien stehen auch noch ein paar ganz seltene Stingrays herum. Sogar das Batmobile aus dem letzten Film steht in einem Zelt.

In einem weiteren Zelt sind alle, aber auch wirklich alle V-8 Motoren die von GM je gebaut wurden ausgestellt: Buick, Pontiac, Oldsmobile, Cadillac, Chevrolet, 454, 455, 330, 421, 427, 409, 401,................ Du weißt echt nicht, wo du zuerst hinschauen sollst, wenn du auf der Woodward auf und ab gehst oder fährst. Überall stehen oder fahren sie herum, die mit viel Liebe restaurierten, aufgehobenen, umgebauten, polierten oder matten Beauties. 35.000 Fahrzeuge sollen es gewesen sein. Es ist unmöglich aufzuzählen, was ich alles gesehen habe. Ich glaube, es gibt kein Muscle Car, das wir hier nicht gesehen haben, mit allen Motorvarianten und in allen Farben. Kaum eine Marke die hier nicht vertreten gewesen wäre, von AMC über Buick und Crosley bis zu Rambler, Studebaker und Willys. Von Baujahr 1930 an bis heute war so ziemlich alles vertreten. Dominik hat bei 50 (in Worten fünfzig) Plymouth Prowler aufgehört zu zählen. Shelby Cobras gab's in jeder Menge, kein Baujahr, das fehlte. Es ist einfach unbeschreiblich was sich da auf der Straße abspielt. Das einzige, was mir fehlte war das drum herum. Es gab keine Stand´ln, keine wirkliche Live-Musik, außer den paar Elvissen, die so taten, als könnten sie was (außer so auszusehen, wie Elvis in zwanzig Jahren). Nachdem wir uns wieder zusammengefunden hatten, Anita und Christoph warteten auf uns und beobachteten einstweilen was sich so an ihnen vorbeibewegte, drehten wir noch eine letzte Runde im Pulk, bevor die Polizei wieder alles auf eine Spur zusammenpferchen konnte, und verabschiedeten uns mit traurigen Augen vom Woodward Dream Cruise.

 

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